Verschoben

Beginnen wir mit einer Rückblende, so ca. 18 Monate. Vielleicht auch zwei oder drei Monate mehr.

Mein Vater läuft, mit Heckenschere und Rasenmäher bewaffnet, rund ums Haus und sorgt im Auftrag des Hausbesitzers für Ordnung in den Grünflächen. Er ist den ganzen Tag aktiv und denkt gar nicht daran, sich mal hinzusetzen oder einen Tag schlicht zu verlungern.

Überblendung in die Gegenwart.

Derselbe Mann strahlt vor Freude und Stolz, als er mir zeigt, das er zwei Treppenabsätze ohne Pause und Hilfe hoch- und wieder herunterkommt. Er hat die Wohnung seit vielen Wochen nicht mehr aus eigener Kraft verlassen können und verbringt einen Großteil des Tages damit, zu sitzen, zu liegen und zu schlafen. Daß macht er nicht freiwillig, ihm fehlt einfach die Kraft. Was das mit seinem Selbstwertgefühl anrichtet, vermag ich mir gar nicht vorzustellen. Aber aus diesem Körper, der seit der Zeit der Rückblende ungefähr 32 Kilogramm an Gewicht verloren hat, ist einfach nicht mehr herauszuholen.

Was ich mit dem Titel sagen wollte, ist folgendes: die Maßstäbe für das, was außergewöhnlich und erfreulich ist, haben sich in den letzten 18 Monaten erheblich verschoben. Dinge, die früher als völlig normal angesehen wurden sind heute Grund zur Freude. Dinge, die früher normal waren wird er, aller Voraussicht nach, nie wieder können. Das ist manchmal schwer zu akzeptieren. Für meine Mutter, für mich und ich glaube auch für Sohn. Der beginnt gerade zu begreifen, daß sein Opa (an dem er sehr hängt) wahrscheinlich an dieser Krankheit sterben wird. Und das er (Sohn) nichts dagegen tun kann.

Schlauschiesser